Vor Jahren hat uns eine Gästin ein Buch geschenkt: „Aus Liebe zum Leben“ von Rachel Naomi Remen. Sie hat es ihrerseits von ihrem Sohn als Geschenk erhalten. Seitdem begleiten die Erzählungen von Rachel Naomi Remen uns immer wieder.
Lukas aus unserer Gemeinschaft ist Rachel Remen vor vielen Jahren persönlich begegnet. Sie war Onkologin im University of California Medical Center (UCSF), wo Lukas ein Jahr als Spitalseelsorger gearbeitet hat. Schon damals fiel sie auf mit ihrem aussergewöhnlichen Einfühlungsvermögen und ihrem ganzheitlichen Ansatz, wie sie Menschen und Gesundheit betrachtet. Es gelang ihr auch, diesen Ansatz immer wieder in ihre Arbeit als Ärztin in diesem renommierten Forschungsspital einzubringen. So waren die Begegnungen mit ihr ansteckend und inspirierend, sei es als Ärztin auf der Abteilung im gemeinsamen Kontakt mit Patient*innen, sei es während ihrer Vorträge, die sie jeweils über Mittag für Mitarbeitende und Lernende gehalten hat.
Seither begegnet uns also ihr Name immer wieder, kürzlich bei einem Artikel im Internet, der uns stark erinnert an unsere eigene Haltung im Sonnenhügel und an die franziskanische Spiritualität.
Was Menschen auf dem Sonnenhügel wirklich stärkt
Wer Menschen begleitet, die sich in einer Krise befinden, mit psychischen Belastungen kämpfen oder nach Orientierung suchen, begegnet immer wieder einer grundlegenden Frage:
Wie wollen wir anderen Menschen begegnen?
Wollen wir ihnen helfen? Wollen wir sie reparieren? Oder gibt es vielleicht noch einen anderen Weg?
Die amerikanische Ärztin und Autorin Rachel Naomi Remen beschreibt drei Haltungen, die unser Handeln prägen können: Helfen, Reparieren und Dienen. Ihre Gedanken berühren einen Kern dessen, was wir auch auf dem Sonnenhügel immer wieder erleben.
Wenn wir helfen wollen
Hilfe ist etwas Wertvolles. Niemand kommt allein durchs Leben. Wir alle sind irgendwann auf Unterstützung angewiesen.
Und doch birgt Hilfe eine Gefahr.
Wer hilft, steht unbewusst oft in einer stärkeren Position. Der Helfende verfügt über Wissen, Fähigkeiten oder Ressourcen, die dem anderen gerade fehlen. Dadurch entsteht leicht ein Gefälle. Der eine gibt, der andere empfängt.
Viele Menschen, die zu uns auf den Sonnenhügel kommen, haben bereits erlebt, wie andere über sie gesprochen haben:
- als Patientinnen oder Patienten
- als Diagnosen
- als Fälle
- als Menschen mit Problemen
Natürlich geschieht das meist in guter Absicht. Dennoch kann dabei etwas Wesentliches verloren gehen: der Blick auf die ganze Person.
Wenn wir Menschen reparieren möchten
Noch deutlicher wird dies beim Versuch, Menschen „zu reparieren“.
In unserer leistungsorientierten Gesellschaft suchen wir oft nach Lösungen. Wir analysieren Schwierigkeiten, identifizieren Ursachen und entwickeln Strategien zur Verbesserung.
Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Problematisch wird es, wenn wir beginnen, Menschen ausschließlich durch die Brille ihrer Verletzungen zu betrachten. Dann sehen wir vielleicht Depressionen, Ängste oder Erschöpfung. Wir sehen Konflikte, Traumata oder Lebenskrisen. Aber wir sehen nicht mehr den Menschen selbst.
Wer reparieren möchte, blickt vor allem auf das, was nicht funktioniert. Wer dienen möchte, blickt auf das, was trotz aller Wunden lebendig geblieben ist.
Die franziskanische Sicht
Der heilige Franziskus von Assisi begegnete Menschen nicht als Probleme, die gelöst werden mussten. Er begegnete ihnen als Brüdern und Schwestern.
Hinter dieser Haltung steht ein tiefes Vertrauen: Jeder Mensch trägt eine unverlierbare Würde in sich. Diese Würde geht nicht verloren, wenn jemand psychisch krank wird. Sie verschwindet nicht durch Sucht, Angst oder Verzweiflung. Sie wird auch nicht kleiner durch Scheitern oder Schuld. Sie bleibt.
Auf dem Sonnenhügel versuchen wir, genau von diesem Menschenbild auszugehen.
Nicht: „Was stimmt mit dir nicht?“
Sondern: „Wer bist du wirklich?“
Dienen bedeutet Verbundenheit
Rachel Naomi Remen schreibt, dass Helfen und Reparieren Distanz schaffen können, während Dienen aus Verbundenheit entsteht. Wir können einem Menschen nur dort wirklich dienen, wo wir bereit sind, ihn als gleichwertig wahrzunehmen.
Diese Erfahrung machen wir immer wieder. Menschen fühlen sich selten durch gute Ratschläge verändert. Sie fühlen sich verändert, wenn sie sich gesehen fühlen. Wenn jemand zuhört. Wenn jemand da bleibt. Wenn jemand nicht sofort eine Lösung präsentiert. Wenn jemand den Mut hat, gemeinsam mit ihnen Unsicherheit auszuhalten. Oft geschieht Heilung genau dort, wo niemand versucht, etwas zu erzwingen.
Unsere eigenen Wunden als Geschenk
Eine weitere Einsicht des Artikels berührt uns besonders.
Remen beschreibt, dass nicht nur unsere Stärken dienen können, sondern auch unsere eigenen Verletzungen. Gerade unsere Erfahrungen mit Scheitern, Schmerz und Begrenztheit können Quellen von Mitgefühl werden.
Viele Menschen, die sich für andere engagieren, glauben zunächst, sie müssten stark sein. Doch das Gegenteil ist oft wahr. Die Menschen, die uns am tiefsten berühren, sind selten die Perfekten. Es sind jene, die selbst durch Dunkelheiten gegangen sind und deshalb die Dunkelheit anderer nicht fürchten. Wer eigene Krisen kennt, begegnet Leid häufig mit größerer Demut. Nicht von oben herab. Sondern von Mensch zu Mensch.
Darum ist es wichtig, dass wir als Helfende – oder besser: als Verantwortliche unsere eigenen Krisen kennen und zu uns nehmen können.
Was das für den Sonnenhügel bedeutet
Der Sonnenhügel möchte ein Ort sein, an dem Menschen nicht bewertet werden. Ein Ort, an dem niemand etwas beweisen muss. Ein Ort, an dem psychische Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit verstanden wird, sondern als ein Weg zu einem erfüllten und authentischen Leben.
Deshalb verstehen wir unsere Aufgabe nicht darin, Menschen zu reparieren. Wir möchten örtlich und zeitlich Räume schaffen, in denen Menschen sich selbst wieder begegnen können. Manchmal geschieht das in Gesprächen. Manchmal in der Stille. Manchmal im gemeinsamen Essen, bei einem Spaziergang, im Gebet oder im Austausch mit anderen Gästen.
Die eigentliche Veränderung entsteht dabei nicht durch uns. Sie entsteht im Menschen selbst. Unsere Aufgabe besteht darin, diesen Prozess achtsam zu begleiten.
Die Heiligkeit des Lebens
Am Ende erinnert uns Rachel Naomi Remen an etwas, das auch der franziskanischen Spiritualität zutiefst entspricht:
Wir dienen dem Leben nicht deshalb, weil es kaputt ist. Wir dienen dem Leben, weil es heilig ist. Vielleicht liegt darin ein Schlüssel für den Umgang miteinander.
Jeder Mensch trägt eine Ganzheit in sich, die größer ist als jede Krise. Jeder Mensch ist mehr als seine Geschichte. Und jeder Mensch verdient es, nicht als Problem, sondern als Geschenk betrachtet zu werden.
Auf dem Sonnenhügel möchten wir genau dafür Raum schaffen.
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ISBN 978-3-86781-436-2
