Klara von Assisi und die Freiheit jenseits der Sicherheiten

11. August 2026

Klara von Assisi Armut

Zum Gedenktag der heiligen Klara am 11. August

Was gibt uns heute Sicherheit?
Ein geregeltes Einkommen. Versicherungen. Rücklagen. Zugriff auf Informationen. Die Gewissheit, jederzeit alles organisieren und absichern zu können. Unsere Welt ist darauf ausgerichtet, Unsicherheiten möglichst früh zu erkennen – und sie auszuschalten.

Und doch erleben viele Menschen genau inmitten dieser Absicherungen etwas anderes: innere Unruhe, Erschöpfung, Angst. Die Frage, ob all die Sicherheiten tatsächlich tragen. Oder ob sie nicht manchmal gerade das Gegenteil bewirken.

Am 11. August, dem Gedenktag der heiligen Klara von Assisi, erinnert die Kirche an eine Frau, die einen radikal anderen Weg ging – und die gerade deshalb überraschend aktuell wirkt.

Armut als bewusste Entscheidung

Klara von Assisi wurde um 1194 als Tochter einer adeligen Familie geboren. Ihr Leben hätte geordnet, komfortabel und sicher verlaufen können. Mauern, Besitz, gesellschaftlicher Status – all das stand ihr zur Verfügung. Doch Klara entschied sich bewusst dagegen.

Inspiriert von Franziskus von Assisi verließ sie ihr Elternhaus und begann ein Leben ohne Eigentum, ohne festes Einkommen, ohne die Sicherheiten, die ihre Herkunft ihr geboten hätte. Dieser Schritt war kein romantischer Ausstieg, sondern ein reales Wagnis. Für eine Frau im 13. Jahrhundert bedeutete er gesellschaftlichen Ausschluss, wirtschaftliche Unsicherheit und körperliche Gefährdung.

Klara nannte dieses Leben nicht Verlust, sondern Berufung. Armut verstand sie nicht als Elend, sondern als bewussten Verzicht auf Besitz, um frei zu werden – frei für Beziehungen, für Gott, für das Wesentliche.

Berühmt wurde ihr Leitsatz: „Den Armen arm umarmen.“ Mit dem „Armen“ meinte sie Christus selbst: geboren ohne Besitz, gestorben ohne Absicherung. Für Klara war Nachfolge nur dort glaubwürdig, wo auch der Verzicht real war.

Warum Klara an der Armut festhielt

Mehrmals versuchten kirchliche Autoritäten, Klara und ihre Gemeinschaft in gesicherte Strukturen zu überführen. Klöster mit festem Eigentum, geregelter Versorgung, klarer wirtschaftlicher Absicherung galten als vernünftig – und schützend, insbesondere für Frauen.

Klara widersetzte sich. Mit Nachdruck. Jahrzehntelang kämpfte sie um das sogenannte „Privileg der Armut“, also das Recht, überhaupt nichts besitzen zu müssen. Erst kurz vor ihrem Tod wurde ihre Ordensregel bestätigt – als erste Regel in der Kirchengeschichte, die von einer Frau selbst verfasst wurde.

Diese Hartnäckigkeit zeigt: Klara ging es nicht um Askese um der Askese willen. Sondern um eine innere Wahrheit. Besitz und Absicherung, so ihre Erfahrung, können auch binden. Angst erzeugen, etwas verlieren zu müssen. Abhängigkeiten schaffen – und den Blick verstellen für das, was wirklich trägt.

Sicherheit damals – Unsicherheit heute

Klaras Entscheidung wirft ein Licht auf unsere Gegenwart. Wir leben – zumindest in Mitteleuropa – nicht in materieller Armut. Aber wir leben oft in einer dauerhaften Angst vor Verlust:
vor Kontrollverlust, vor sozialem Abstieg, vor dem Versagen.

Viele psychische Belastungen unserer Zeit stehen in engem Zusammenhang mit diesem Druck, alles absichern zu müssen: das eigene Leben, die Zukunft der Kinder, die Gesundheit, den Arbeitsplatz. Die Erwartung, immer funktionieren zu müssen, keine Lücken zuzulassen.

Klara zeigt eine Alternative auf: Nicht jede Unsicherheit muss sofort geschlossen werden. Nicht jede Leere gefüllt. Nicht jede Angst kontrolliert.

In der bewussten Begrenzung – im Nicht‑ständigen‑Verfügen – kann etwas anderes wachsen: Vertrauen. Geduld. innere Weite.

Armut und mentale Gesundheit – ein überraschender Zusammenhang

Klaras Leben war nicht frei von Krankheit, Erschöpfung und inneren Kämpfen. Die Quellen berichten von langen Phasen schwerer körperlicher Schwäche. Dennoch strahlen ihre Briefe, besonders an Agnes von Prag, eine bemerkenswerte innere Klarheit aus.

Sie schreibt nicht von Besitz, sondern von Beziehung. Nicht von Kontrolle, sondern von Hingabe.
Nicht von Leistung, sondern von Wachstum, das Zeit braucht.

Aus heutiger Sicht lässt sich sagen:
Psychische Gesundheit entsteht nicht dort, wo alles sicher ist. Sondern dort, wo Menschen lernen, mit Unsicherheit zu leben – ohne daran zu zerbrechen.

Klaras Armut war eine Übung im Vertrauen. Kein einmaliger Zustand, sondern ein lebenslanger Prozess. Immer wieder neu beginnen. Immer wieder loslassen. Genau das, was auch in heutigen therapeutischen und spirituellen Prozessen entscheidend ist.

Was bleibt – für uns heute

Natürlich fordert Klara niemanden auf, Besitz aufzugeben oder in radikaler Armut zu leben. Aber sie stellt eine unbequeme Frage:

Wo klammern wir uns an Sicherheiten, die uns eigentlich die Luft nehmen?

Vielleicht beginnt ihr Erbe heute ganz klein:

  • ein bewusstes Nicht‑Erreichbar‑Sein,
  • ein Aushalten von Langeweile,
  • ein Verzicht auf ständige Verfügbarkeit,
  • das Eingeständnis, nicht alles in der Hand zu haben.

Klara von Assisi erinnert uns daran, dass tiefere Sicherheit nicht gemacht werden kann. Sie wächst – langsam. Und oft genau dort, wo wir den Mut haben, etwas nicht abzusichern.

Am 11. August ist ihr Gedenktag. Vielleicht ein guter Moment, neu zu fragen, was uns wirklich trägt.


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