Lesen, das nährt – vom dritten Pfeiler unserer Lebensform
Lesen gehört zu den Dingen, die im Alltag leicht hintenanstehen. Gerade dann, wenn das Leben intensiv ist, wenn Arbeit, Begegnungen und Verantwortung viel Raum einnehmen. Und doch ist das Lesen – Lege – neben Arbeiten (Labora) und Beten (Ora) ein zentraler Bestandteil einer spirituellen Lebensform, die schon sehr alt ist und uns bis heute herausfordert.
In der neuesten Folge unseres Podcasts haben wir uns gefragt: Was bedeutet Lesen heute – in einem gemeinschaftlichen, intensiven Alltag? Und was kann Lesen sein, wenn es mehr ist als das Konsumieren von Texten?
Lesen zwischen Alltag und Spiritualität
Im benediktinischen Klosterleben hat Lesen einen festen Platz. Zeiten sind dafür vorgesehen, Bücher sind Teil der täglichen Ordnung. Bei uns auf dem Sonnenhügel ist das anders. Unser Alltag ist geprägt von Arbeit mit den Händen, von Begegnungen mit Menschen, von Gebetszeiten – und von vielem, was nicht planbar ist.
Das Lesen ist darum weniger klar strukturiert. Und doch ist es da: als Abendritual, um den Tag loszulassen. Als morgendliche Einstimmung, um den Tag nicht einfach unvorbereitet zu beginnen. Oder zwischendurch, wenn ein Thema ruft, das gerade Nahrung braucht.
Lesen spricht den Kopf an – aber nicht nur. Es berührt oft auch das Herz. Und manchmal wirkt es nach, lange über das letzte Kapitel hinaus.
Leichte Lektüre, schwere Themen – und die Frage nach Entlastung
Nicht jedes Buch muss schwer sein. Gerade in einem Alltag, der vielschichtig und intensiv ist, kann Lesen auch entlasten. Ein Krimi, eine abgeschlossene Geschichte, ein klar begrenzter Rahmen – all das kann wohltuend sein, weil es dem Leben einen Kontrast entgegensetzt.
Andere Bücher fordern heraus: theologische Texte, philosophische Gedanken, spirituelle Reflexionen. Sie öffnen neue Perspektiven, zeichnen andere Gottesbilder, stellen unbequeme Fragen. Solche Bücher lassen sich oft nicht einfach „weglesen“. Sie wollen nachklingen, sich setzen, innerlich weiterarbeiten.
Beides hat Platz. Lesen als Entspannung – und Lesen als Auseinandersetzung.
Menschen lesen – mehr als Bücher
Im Gespräch wurde deutlich: Lesen beschränkt sich nicht auf gedruckte Seiten. Gerade im gemeinschaftlichen Leben begegnen wir täglich Lebensgeschichten. Menschen mit Brüchen, Hoffnungen, Wunden und Ressourcen.
Diese Begegnungen lassen sich nicht einfach zuklappen wie ein Buch. Man kann ihnen weniger leicht ausweichen. Sie fordern heraus – und prägen oft tiefer als jede Lektüre.
In diesem Sinn ist Gemeinschaft selbst ein Lernort. Ein Ort, an dem wir immer wieder entdecken: Man kann anders leben. Man kann anders denken. Und das eigene Leben ist nicht der alleinige Maßstab.
Zwischen Nachrichtenflut und Innenweltschutz
Ein weiterer Aspekt des Lesens betrifft den Umgang mit Informationen. Nachrichten sind jederzeit verfügbar. Schlagzeilen drängen sich auf. Und nicht selten bleibt ein Gefühl von Ohnmacht zurück.
Ganz auf Information zu verzichten, ist keine Lösung. Aber die Reihenfolge ist entscheidend. Was lasse ich zuerst an mich heran? Womit beginne ich meinen Tag?
Ein Gedanke von Wilhelm Bruners hat uns dabei besonders beschäftigt:
Wenn du die Kraft behalten willst, die Verhältnisse zu ändern, dann achte auf die Reihenfolge.
Zuerst die Psalmen – die alten Lieder Davids. Worte, die tragen, klagen, hoffen, widersprechen. Erst danach die Zeitung. Nicht aus Weltflucht, sondern um innerlich verortet zu sein, bevor die Welt mit all ihren Brüchen hereinbricht.
Vielleicht ist das eine Form von Innenweltschutz: bewusst zu entscheiden, was wir lesen – und wann.
Die drei Bücher des Lebens
Am Ende weitet sich der Blick noch einmal. In der franziskanischen Tradition ist von drei Büchern die Rede, in denen sich Gottes Spuren lesen lassen:
- die Bibel,
- die Natur,
- und das eigene Leben.
Nicht alle Menschen lesen gern Bücher. Aber jede und jeder kann Natur wahrnehmen, Jahreszeiten beobachten, Wachstum und Vergänglichkeit sehen. Und jede und jeder trägt ein eigenes Lebensbuch in sich – mit Kapiteln, die offen, verschlossen, schmerzhaft oder überraschend ermutigend sind.
Das eigene Leben zu lesen braucht Zeit. Oft auch Begleitung. Ein Gegenüber, das hilft, Spuren zu entdecken und Worte zu finden.
Lesen als Haltung
Vielleicht ist Lesen am Ende weniger eine Technik als eine Haltung: aufmerksam zu werden. Hinzuhören. Bedeutungen zu suchen – im Text, im Gegenüber, im eigenen Inneren.
Lege gehört dazu. Nicht als zusätzlicher Anspruch, sondern als Einladung, das Leben tiefer zu verstehen. Und vielleicht auch liebevoller.
Was nährt dich im Alltag? Welche Bücher – oder welche Lebensgeschichten – prägen dich gerade?
Wir freuen uns über Gedanken, Rückmeldungen und Fragen.
