Ein neuer Podcast gibt Einblicke in das Gemeinschaftsleben im Sonnenhügel
Mit dem neuen Podcast „Mein Leben leben – in Gemeinschaft“ öffnet der Sonnenhügel seine Türen für einen noch tieferen Einblick in das einzigartige Gemeinschaftsleben im ehemaligen Kapuzinerkloster. Während die soziale Arbeit mit Gästen in Krisensituationen bereits weitherum bekannt ist, gewährt die erste Folge authentische Einblicke in die spirituelle Dimension der Kerngemeinschaft.
Sandra Schmid Fries und Lukas Fries-Schmid, beide langjährige Mitglieder der Sonnenhügel-Kerngemeinschaft, teilen ihre persönlichen Erfahrungen und zeigen auf, wie klösterliches Leben heute gelebt werden kann. Der Podcast macht deutlich, dass das Gemeinschaftsleben Sonnenhügel weit mehr ist als nur ein Arbeitsplatz – es ist eine Lebensform, die Menschen nachhaltig prägt und verändert. Erfahren Sie in diesem Artikel, was es bedeutet, Ora et Labora im 21. Jahrhundert zu praktizieren und wie spirituelle Begleitung im Alltag Gestalt annimmt.
Ein Kloster wird wieder lebendig
Der Sonnenhügel ist vielen Menschen primär als Ort bekannt, wo Menschen in schwierigen Lebensphasen Aufnahme und Begleitung finden. Doch hinter dieser sozialen Arbeit steht eine Gemeinschaft, die seit über 30 Jahren eine Vision lebt: das gemeinsame Leben in einem ehemaligen Kapuzinerkloster, wo Gäste in Krisensituationen nicht nur professionelle Hilfe, sondern echte Teilhabe an einer Lebensgemeinschaft erfahren.
Das Besondere am Gemeinschaftsleben auf dem Sonnenhügel liegt darin, dass hier keine strikte Trennung zwischen Arbeit und Privatleben existiert. „Wir haben nicht eine Work-Life-Balance mit einer klaren Abgrenzung zwischen Beruf und Privat“, erklärt Lukas in der ersten Podcast-Folge. „Sondern wir sind einfach hier zu Hause und laden Gäste, zum Teil in wirklich herausfordernden Situationen, immer zu uns nach Hause ein.“ Diese Herangehensweise ist im Sozialbereich nach wie vor einzigartig und wirft bei vielen Menschen die Frage auf, ob ein solches Konzept überhaupt funktionieren kann.
Die Antwort liegt in der über drei Jahrzehnte gewachsenen Erfahrung des Sonnenhügels. Hier teilen Kerngemeinschaft und Gäste nicht nur die Räume, sondern den gesamten Alltag: die Küche, die Stube, den Garten und alle anderen Lebensbereiche. Diese Form des Zusammenlebens schafft Möglichkeiten für Begegnungen, die in konventionellen therapeutischen oder sozialen Einrichtungen nicht entstehen können.
Persönliche Wege in die Gemeinschaft
Die Geschichten von Sandra und Lukas zeigen exemplarisch auf, wie Menschen zum Leben in Gemeinschaft im Sonnenhügel finden. Beide waren in ihren frühen Zwanzigern, als sie erstmals Kontakt mit dieser besonderen Lebensform hatten, und beide blieben – aus unterschiedlichen Gründen, aber mit ähnlicher Begeisterung.
Sandras Weg: Von der Krise zur Berufung
Sandra kam vor über 20 Jahren als Gast in den Sonnenhügel. „Ich war auch in einer Krisensituation“, reflektiert sie über ihre damalige Situation. „Ich hatte mein erstes Studium gerade abgebrochen und selber gar nicht so recht gewusst, was ich jetzt eigentlich machen soll in meinem Leben.“ Mehrere Monate lebte sie als Gast im Sonnenhügel mit und erlebte, wie hier zusammengelebt wird.
Was Sandra nachhaltig beeindruckte, war die Verbindung einer christlichen Motivation mit einer gelebten Offenheit. „Für mich waren spirituelle Fragen immer da“, erzählt sie. „Ich suchte auch im Religiösen, Spirituellen, aber fühlte mich in der Kirche nicht aufgehoben.“ Im Sonnenhügel erlebte sie eine andere Form von Kirche – eine, die nicht nur am Sonntag stattfindet, sondern den Alltag durchdringt.
Der entscheidende Unterschied zu konventionellen kirchlichen Angeboten lag für Sandra darin, dass hier existenzielle Krisen und Fragen Raum haben und mit Hoffnung und gegenseitigem Halt verbunden werden. „So zu merken, ja, Kirche findet nicht nur am Sonntag statt, sondern eigentlich jeden Tag ist es durchdrungen von diesem grösseren Ganzen“, beschreibt sie ihre Erfahrung mit dieser Form der spirituellen Begleitung.
Lukas‘ Weg: Theologie trifft Lebenspraxis
Lukas fand über seinen Zivildienst zum Sonnenhügel. Als Theologiestudent war er sofort fasziniert von der besonderen Verbindung, die er hier antraf: „Das Zusammenfallen eines gemeinsamen Alltags, eines sozialen Engagements und einer ausdrücklich gelebten Spiritualität, einer reflektierten Spiritualität, das hat mir von Anfang an den Ärmel reingenommen.“
Diese Begeisterung führte dazu, dass Lukas nach seinem Zivildienst als Wochenendaushilfe und Ferienstellvertretung weiter im Sonnenhügel engagiert blieb. Auch für ihn war die Authentizität der gelebten christlichen Werte entscheidend. Seine Eltern, die zunächst skeptisch waren, ob ihr Sohn nicht in eine sektenähnliche Gemeinschaft geraten sei, wurden durch den Besuch im Sonnenhügel positiv überrascht. “ Wort und Tat, das deckt sich und die Freiheit der Menschen, ihre Weltanschauung, ihr Glaube, die werden bewahrt“, fasst Lukas die Erfahrung seiner Eltern zusammen.
Authentizität statt Missionierung
Ein entscheidender Aspekt des Gemeinschaftslebens auf dem Sonnenhügel ist die Haltung gegenüber Menschen mit unterschiedlichen Glaubenshintergründen. „Es muss niemand beten, der das nicht will“, betont Sandra. „Es ist nicht ein Ort, wo missioniert wird.“ Diese Offenheit war für beide ein wichtiger Faktor bei ihrer Entscheidung, Teil der Gemeinschaft zu werden.
Gleichzeitig ist die christliche Spiritualität für die Kerngemeinschaft tragend. „Es ist halt das, was uns gemeinsam trägt, die gemeinsame Spiritualität, das Suchen nach dem Mehr“, erklärt Lukas. Für diejenigen, die sich längerfristig engagieren möchten, ist diese spirituelle Dimension durchaus relevant, aber nie aufgezwungen.
Klösterliche Architektur als Lebensprogramm
Die Räumlichkeiten des ehemaligen Kapuzinerklosters sind nicht zufällig gewählt. Die Architektur selbst erzählt von einer Lebensphilosophie, die im Sonnenhügel wieder zum Leben erweckt wird. „Die Architektur des Klosters ist so, dass der Gebäudeteil, wo die Kirche drin ist, und der Teil, wo unser Speisesaal und Stube, das Refektorium, drin sind, parallel sind“, beschreibt Lukas die symbolische Bedeutung der Bauweise.
Diese Parallelität von Gebetsraum und Gemeinschaftsraum ist bewusst gewählt und spiegelt die Gleichwertigkeit von spirituellem Leben und Gemeinschaftsleben wider. „Das Beten und die Gemeinschaft am Tisch. Das ist eigentlich genau das Gleiche, das gehört zusammen“, so Lukas‘ Interpretation der architektonischen Botschaft.
Räume mit Bedeutung
Jeder Raum im Kloster hat seine spezifische Funktion und trägt zum Gesamtkonzept des klösterlichen Lebens bei. Es gibt einen Ort fürs Gebet, einen Ort zum Kochen, einen Ort zum Essen, Arbeitsräume und Rückzugsorte. Diese klare Zuordnung schafft Struktur im Alltag und ermöglicht es sowohl der Kerngemeinschaft als auch den Gästen, verschiedene Aspekte des Lebens bewusst wahrzunehmen.
Die Webstube, die Werkstatt, der Garten – all diese Arbeitsräume bieten vielfältige Möglichkeiten für praktische Tätigkeiten. „Wir machen es miteinander und es ist nicht, dass jemand uns bekocht oder dass jemand für uns putzt“, erklärt Sandra die Philosophie der gemeinsamen Arbeit. „Sondern wir schauen jeden Morgen, welche Arbeiten es heute gibt.“
Der heilsame Rhythmus des Klosteralltags
Einer der wesentlichen Aspekte des klösterlichen Lebens im Sonnenhügel ist der strukturierte Tagesrhythmus. Für viele Gäste wirkt diese Klarheit zunächst fremd, entwickelt sich aber schnell zu einer heilsamen Erfahrung.
Morgendliche Struktur
Der Tag beginnt für alle Bewohner mit einer gemeinsamen Arbeitszeit am Morgen. „Für mich als Gästin, die hier mitgelebt hat, war klar, dass wir am Morgen alle mitarbeiten“, erinnert sich Sandra. Diese gemeinsame Arbeitszeit ist mehr als nur Haushaltsführung – sie ist ein Ritual, das den Tag strukturiert und allen Beteiligten das Gefühl gibt, einen sinnvollen Beitrag zu leisten.
Der gemeinsame Arbeitseinsatz beginnt nach dem Morgengebet mit einer Besprechung, bei der die anstehenden Arbeiten verteilt werden. „Da können die Gäste auch auswählen, was sie machen wollen“, beschreibt Sandra das partizipative Element dieser Tagesgestaltung. Niemand wird zu bestimmten Arbeiten gezwungen, aber alle sind eingeladen, ihren Beitrag zu leisten.
Ora et Labora im 21. Jahrhundert
Das benediktinische Prinzip „Ora et Labora“ – Bete und Arbeite – findet im Sonnenhügel eine zeitgemäße Interpretation. Das Gebet ist ein freiwilliges Angebot, das vor allem von der Kerngemeinschaft wahrgenommen wird, aber auch für interessierte Gäste offen steht. „Am Morgen zuerst in die Stille zu gehen, ins Gebet zu gehen. Mit denen, die das wollen“, beschreibt Sandra ihre Erfahrung mit dieser Form der spirituellen Praxis.
Die Arbeit hingegen ist für alle verpflichtend – nicht im Sinne eines Zwangs, sondern als selbstverständlicher Teil des Gemeinschaftslebens. Diese Verbindung von Gebet und Arbeit schafft einen Rahmen, der dem Tag Struktur und Sinn verleiht. Für Menschen in Krisensituationen kann diese Regelmäßigkeit eine wichtige Stütze sein.
Heilsame Routine für Menschen in Lebenskrisen
Gerade für Menschen, die sich in schwierigen Lebensphasen befinden, wirkt der geregelte Tagesablauf oft stabilisierend. „Es war mir auch fremd, dass es ganz klar ist, wann was ist“, reflektiert Sandra über ihre ersten Erfahrungen im Sonnenhügel. „Aber das hat sehr geholfen, so einen klaren Rhythmus zu haben.“
Die Struktur gibt nicht nur zeitliche Orientierung, sondern auch emotionale Sicherheit. Wenn das eigene Leben aus den Fugen geraten ist, können äußere Strukturen helfen, wieder Halt zu finden. Der Klosteralltag bietet diesen Halt, ohne rigide oder einengend zu wirken.
Die Kunst der Begegnung „zwischen Tür und Angel“
Eines der faszinierendsten Aspekte des Gemeinschaftslebens auf dem Sonnenhügel ist die Art, wie sich Gespräche und Begegnungen entwickeln. Anders als in professionellen therapeutischen Settings entstehen hier oft die wichtigsten Gespräche nicht in geplanten Terminen, sondern „zwischen Tür und Angel“ – in alltäglichen Situationen, die Raum für spontane Begegnungen schaffen.
Jenseits der klassischen Therapie
Während der Sonnenhügel durchaus professionelle Begleitung anbietet – „einmal in der Woche ein Begleitgespräch mit jeder Person, die bei uns zu Gast ist“, wie Lukas erklärt – entwickeln sich oft die wertvollsten Gespräche außerhalb dieser formalen Rahmen. Das Leben in Gemeinschaft im Sonnenhügel ermöglicht eine Form der Begleitung, die näher am „echten Leben“ ist, wie Lukas es ausdrückt.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass nach einem schwierigen Gespräch niemand allein gelassen wird. „Dann können wir am Schluss des Gesprächs sagen, ja, man merkt es, da kommen wir nicht weiter, aber ich lasse dich nicht allein, wir gehen zusammen zurück in den Garten, gehen das Beet herrichten oder es ist jetzt Zeit zum Mittagessen, komm, wir setzen uns an den Tisch“, beschreibt Lukas diese besondere Form der Nachbetreuung.
Praktische Beispiele der Alltagsbegleitung
Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese Art der Begegnung erzählt Sandra aus ihrer eigenen Erfahrung: „Ich selber war gerade beschäftigt beim Einkochen von Kompott. Ich habe im Topf gerührt und da kam ein junger Gast, eine Frau, die mich fragte, was ich über Exorzismus denke.“
Diese Situation illustriert perfekt das Konzept der Begegnung „zwischen Tür und Angel“. Sandra war in eine praktische Tätigkeit vertieft, was der Gesprächspartnerin die Möglichkeit gab, ein schwieriges Thema anzusprechen, ohne in eine formale Gesprächssituation gedrängt zu werden. „Dadurch, dass ich mit dem Kompotttopf gebunden war, hatte sie die Möglichkeit, zu kommen und wieder zu gehen“, reflektiert Sandra über die Dynamik dieses Gesprächs.
Die Bedeutung der manuellen Arbeit
Die praktische, manuelle Arbeit spielt eine zentrale Rolle in dieser Form der spirituellen Begleitung. Sie schafft einen natürlichen Rahmen für Gespräche, die entstehen können, aber nicht müssen. „Es gibt andere Räume im übertragenen Sinne“, erklärt Lukas die Flexibilität dieser Gesprächsform.
Für Menschen, die sich schwer tun mit direkten face-to-face Gesprächen, kann die gemeinsame Arbeit eine Brücke sein. „Es gibt Gäste, da spüre ich, mit denen muss ich nicht ins Gesprächszimmer, wenn ich etwas von ihnen erfahren will, die machen zu, wenn man vis-à-vis sitzt, aber wenn man zusammen etwas arbeitet, in der Küche oder so, dann entsteht das Gespräch, ohne dass man das künstlich erzwingen muss“, beschreibt Lukas seine Beobachtungen.
Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Gesprächsebenen
Die Sonnenhügel-Wohngemeinschaft ermöglicht eine Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Kommunikationsebenen, die in professionellen Settings nicht möglich ist. „Wir als Begleitpersonen können einen Anker auswerfen und eine Frage stellen. Wenn jemand anbeißt, ist gut, dann geht es weiter. Wenn jemand nicht anbeißt, kann man fließend zurück auf die Alltagsebene“, erklärt Lukas diese flexible Herangehensweise.
Diese Flexibilität schafft mehr Raum für authentische Begegnungen und reduziert den Druck sowohl für die Begleitpersonen als auch für die Gäste. Niemand ist gezwungen, in einem bestimmten Moment über schwierige Themen zu sprechen, aber die Möglichkeit dazu ist immer da.
Spiritualität als Lebenshaltung
Die spirituelle Dimension des Gemeinschaftslebens auf dem Sonnenhügel geht weit über regelmäßige Gebetszeiten hinaus. Sie durchdringt den gesamten Alltag und prägt die Haltung, mit der Begegnungen gestaltet werden. Dabei ist die christliche Spiritualität zwar prägend für die Kerngemeinschaft, aber nie aufdringlich oder missionarisch.
Christliche Motivation ohne Zwang
„Es ist nicht ein Ort, wo missioniert wird“, betont Sandra und spricht damit einen wichtigen Aspekt der spirituellen Begleitung im Sonnenhügel an. Die christliche Grundhaltung der Gemeinschaft zeigt sich nicht in Bekehrungsversuchen, sondern in der Art, wie Menschen begegnet wird und Krisen gemeinsam getragen werden.
Für die Kerngemeinschaft ist die gemeinsame Spiritualität hingegen essentiell. „Das ist das, was uns gemeinsam trägt, die gemeinsame Spiritualität, das Suchen nach dem Mehr“, erklärt Lukas die Bedeutung der spirituellen Dimension für diejenigen, die sich längerfristig im Sonnenhügel engagieren.
Gebet als Kraftquelle in schwierigen Situationen
Besonders in der Begleitung von Menschen in schwierigen Lebensphasen erweist sich die spirituelle Praxis als wichtige Kraftquelle. „Wenn ich zum Beispiel in der Begleitung mit einem Gast anstehe und das Problem auch nicht einfach so lösen kann, dann eben einen Ort zu haben, wo ich am Abend ins Gebet gehen kann“, beschreibt Lukas die praktische Bedeutung der Spiritualität im Begleitalltag.
Das Gebet wird dabei nicht als Flucht vor der Realität verstanden, sondern als Raum, in dem schwierige Situationen vor Gott gebracht werden können. „Wo ich vielleicht die Fürbitte auf einen Zettel aufschreiben und in der Schale deponieren kann, so einen Ort zu haben, auch wenn ich an diesem Ort nicht allein bin; es ist ein gemeinsames, tragendes Gebet“, so Lukas weiter.
Gemeinsames Ringen um existenzielle Fragen
Die spirituelle Begleitung im Sonnenhügel zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl Begleitende als auch Begleitete als Menschen mit existenziellen Fragen ernst genommen werden. „Es ist ein gemeinsames Ringen um die Frage, wo und wie Gott gegenwärtig ist und wie wir die Hoffnung aufrechterhalten können, wie wir unsere Vision nähren können von Gerechtigkeit, von einem erfüllten Leben für jeden Menschen, für jede Person“, beschreibt Lukas die spirituelle Dimension der Arbeit.
Diese Haltung verhindert eine Hierarchie zwischen „Helfenden“ und „Hilfsbedürftigen“ und schafft stattdessen eine Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens suchen. Sandra erzählt von einer besonders berührenden Erfahrung, als sie selber einmal in einer Gebetszeit mit einer persönlichen schwierigen Situation konfrontiert war. Neben ihr sass eine Gästin: „Wir waren beide traurig und nach dem Gebet mussten wir uns einfach nur in die Augen schauen und wussten, ja, wir sind beide traurig, aus vielleicht verschiedenen Gründen, aber es gab auch eine ganz schöne Verbindung zueinander.“
Der Garten als Ort der Heilung
Die praktische Arbeit, besonders die Gartenarbeit, nimmt im Sonnenhügel eine besondere Stellung ein. Sie verbindet verschiedene Aspekte des klösterlichen Lebens: die Ora et Labora-Tradition, die therapeutische Wirkung manueller Tätigkeiten und die Möglichkeit für spontane Begegnungen.
Heilsame Wirkung der Handarbeit
„Für mich, die ja auch so spirituell gesucht hat, war es natürlich auch schön, einfach etwas sehr Heilsames zu erleben. Um zu merken, dass ich noch etwas zu einer Gemeinschaft beitragen kann“, reflektiert Sandra über ihre Erfahrungen mit der praktischen Arbeit im Sonnenhügel.
Gerade für Menschen in Krisensituationen, die oft das Gefühl haben, nichts mehr leisten zu können, ist die Erfahrung wichtig, durch praktische Arbeit einen konkreten Beitrag zur Gemeinschaft leisten zu können. „Ich werde nicht nur abgestempelt als krank oder ich arbeite nichts mehr“, beschreibt Sandra diese Erfahrung.
Austausch von Erfahrungen und Wissen
Die gemeinsame Arbeit ermöglicht auch einen wertvollen Austausch von Wissen und Erfahrungen. „Es kommen einfach Menschen, die haben Namen und man arbeitet miteinander. Das sind Menschen mit zum Teil jahrzehntelanger Erfahrung in gewissen Berufen, die sehr viel von ihren Erfahrungen auch wieder einbringen können“, beschreibt Sandra die Bereicherung, die die Gäste für die Sonnenhügel Wohngemeinschaft darstellen.
Diese Haltung kehrt das traditionelle Helfer-Klient-Verhältnis um und anerkennt die Gäste als Menschen mit wertvollen Fähigkeiten und Erfahrungen. „Das gibt auch dem Sonnenhügel eine große Bereicherung durch dieses praktische Wissen“, so Sandra weiter.
Persönliches Wachstum durch Begegnung
Das Leben in Gemeinschaft im Sonnenhügel bietet nicht nur den Gästen in Krisensituationen Entwicklungsmöglichkeiten, sondern ist auch für die Mitglieder der Kerngemeinschaft ein kontinuierlicher Lernprozess. Die tägliche Konfrontation mit existenziellen Fragen und schwierigen Lebenssituationen führt zu einem permanenten persönlichen Wachstum.
Von der Weltverbesserung zur Selbsterkenntnis
Lukas beschreibt eine interessante Entwicklung seiner Motivation: „Als junger Mensch hatte ich stark den Drang, etwas für die Welt beizutragen, die Welt zu verbessern. Soziales Engagement war mir schon früh sehr wichtig.“ Diese altruistische Motivation war anfangs prägend für sein Engagement im Sonnenhügel.
„Je länger ich hier bin, desto mehr kehrt sich die Motivation insofern um, dass ich merke, ich muss nicht mehr einfach etwas geben und etwas verbessern, sondern damit verändert sich mein Blick auf die Welt und ich wachse daran“, reflektiert er über diese Entwicklung.
Universelle menschliche Fragen
Die Arbeit mit Menschen in schwierigen Lebensphasen führt zur Erkenntnis, dass bestimmte Fragen alle Menschen beschäftigen, unabhängig von ihrer konkreten Lebenssituation. „Die Fragen, die Gäste in einer Krisensituation mitbringen: Wer bin ich? Bin ich liebenswürdig? Die ganz existenziellen Grundfragen: das sind auch meine Fragen“, erklärt Lukas diese Erkenntnis.
Diese Perspektive verhindert eine Distanzierung zwischen Begleitenden und Begleiteten und schafft stattdessen ein Bewusstsein für die gemeinsame menschliche Kondition. „Das sind die Fragen, bei denen ich glaube, dass sie im Kern eines jeden Menschen schlummern und die Sehnsucht dahinter ist“, so Lukas weiter.
Spirituelle Begleitung als gegenseitiger Prozess
Die spirituelle Begleitung im Sonnenhügel wird nicht als Einbahnstraße verstanden, sondern als gegenseitiger Lernprozess. „Das grenzt uns ja nicht einfach ab, dass wir hier die sind, die begleiten und leiten, sondern dass wir mit den Menschen und eben auch mit unseren eigenen Erfahrungen unterwegs sind“, beschreibt Sandra diese Haltung.
Das schon erwähnte Beispiel in der Gebetszeit illustriert diese gegenseitige Betroffenheit: „Wir waren beide traurig, aus vielleicht verschiedenen Gründen, aber es gab auch eine ganz schöne Verbindung zueinander. Und zu merken, ja, auch ich lebe hier mit meinen Fragen, ich hadere manchmal auch mit Trauer, das ist nicht ein Ort, wo ich kommen und funktionieren muss von 8 bis 5“, erzählt Sandra von der gemeinsamen Gebetszeit mit einem Gast.
Professionelle Grenzen und persönliche Authentizität
Das Gemeinschaftsleben auf dem Sonnenhügel bewegt sich in einem sensiblen Spannungsfeld zwischen professioneller Begleitung und persönlicher Authentizität. Während die Mitglieder der Kerngemeinschaft als ganze Menschen mit ihren eigenen Fragen und Herausforderungen präsent sind, wahren sie gleichzeitig professionelle Standards in der Begleitung.
Professionalität durch externe Unterstützung
„Das ist ein Teil der Professionalität, dass wir zwar hier auch als Private leben und spürbar sind, aber gleichzeitig unsere Themen natürlich nicht auf Kosten der Gäste bearbeiten“, erklärt Lukas die Balance zwischen persönlicher Präsenz und professioneller Abgrenzung.
Die Lösung liegt in der externen Supervision und Begleitung: „Für das haben wir unsere Fachleute außerhalb. Das ist ein Teil des Konzepts“, so Lukas weiter. Diese externe Unterstützung ermöglicht es den Mitgliedern der Kerngemeinschaft, authentisch und menschlich zu bleiben, ohne ihre eigenen Themen in die Begleitungsarbeit einzubringen.
- Alle Folgen des Podcasts „Mein Leben leben – in Gemeinschaft“ hier hören.
- Inkl. Transskript jeder Folge auf Hochdeutsch.
- Jeden Monat eine neue Episode.
- Dauer je ca. 25 Minuten.
