Wenn gemeinsames Schaffen zum Herzstück des Zusammenlebens wird
Mehr als nur Haushaltsaufgaben – die Bedeutung von Arbeit in Gemeinschaft
„Ora et labora“ – beten und arbeiten. Was Benedikt vor Jahrhunderten als Leitprinzip monastischen Lebens formulierte, wird im Sonnenhügel täglich gelebt. Doch was bedeutet Gemeinschaftsarbeit konkret in einer Zeit, in der viele Menschen unter Arbeitsdruck leiden oder im Gegenteil schmerzlich die Arbeit vermissen, die ihnen Struktur und Sinn geben würde?
Bei uns im Sonnenhügel beginnt der Tag nach dem morgendlichen Gebet mit dem gemeinsamen Zusammenkommen in der Küche. Während die Gäste aufräumen und abwaschen, plant die Kerngemeinschaft den Tag: Was muss erledigt werden? Wer kann was beitragen? Welche Arbeiten stehen zur Auswahl? Diese scheinbar einfache Koordination birgt eine der größten Herausforderungen: Einerseits müssen alle notwendigen Aufgaben erledigt werden – einkaufen, kochen, putzen, im Garten arbeiten. Andererseits sollen die Gäste wählen dürfen, wo und wie sie sich einbringen möchten.
Die heilsame Kraft der Handarbeit
„Für mich ist die Arbeit am Vormittag die schönste Zeit des Tages, weil man miteinander arbeitet“, erzählt Sandra, Mitglied der Kerngemeinschaft. Was auf den ersten Blick wie gewöhnliche Haushaltsarbeit erscheint – kochen, putzen, Gartenarbeit –, unterscheidet sich fundamental vom einsamen Werkeln im eigenen Haushalt: Hier wird gemeinsam geschafft.
Die Arbeit im Sonnenhügel ist bewusst langsam und sinnlich gestaltet. Maschinen werden nur sparsam eingesetzt, dafür wird viel mit den Händen gearbeitet. „Wenn ich mit den Händen im Boden wühle, erdet mich das – im wörtlichen und übertragenen Sinn“, beschreibt Lukas seine Erfahrung. Diese Form der Handarbeit dient nicht nur der Erledigung notwendiger Aufgaben, sondern wird zum therapeutischen Element: Sie holt Menschen aus dem Gedankenkreisen heraus und verankert sie im Hier und Jetzt.
Bewusst verzichtet man auf Hintergrundmusik in allen Arbeitsräumen. Was für manche ungewohnt klingen mag, schafft Raum für echte Begegnung: Gespräche entstehen natürlich beim gemeinsamen Tun, aber auch das gemeinsame Schweigen wird geschätzt. „Man kann zusammen arbeiten und zusammen schweigen – das schätze ich sehr“, sagt Sandra. Wer von außen kommt, bemerkt oft erst dann, wie sehr Dauerbeschallung zur Normalität geworden ist.
Wenn Arbeit wieder Sinn macht: Von der Beschäftigungstherapie zum echten Beitrag
Viele Gäste kommen mit dem belastenden Gefühl in den Sonnenhügel, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen. Sie spüren vor allem, was sie alles nicht mehr können. Umso bedeutsamer ist die Erfahrung, dass ihr Beitrag zählt. „Ob jemand am Vormittag im Garten Salat erntet oder nicht, macht beim Mittagessen einen Unterschied“, betont Lukas. Diese Erfahrung unterscheidet die Gemeinschaftsarbeit fundamental von Beschäftigungstherapie, bei der es oft nur darum geht, irgendwie beschäftigt zu sein.
Gleichzeitig erleben die Menschen im Sonnenhügel eine befreiende Erkenntnis: „Ich muss nicht alles machen.“ In der Gemeinschaft genügt es, den eigenen Teil beizutragen. Alle Beiträge zusammen ergeben mehr als die Summe der Teile – „eins plus eins gibt mehr als zwei“, wie Lukas es formuliert. Diese Erfahrung ist besonders für Menschen heilsam, die gewohnt sind, alles alleine stemmen zu müssen oder die unter dem Druck leiden, immer funktionieren zu müssen.

Die Vielseitigkeit als Chance und Herausforderung
„Wenn ich in einem Formular meinen Beruf angeben muss, weiß ich nie, was ich schreiben soll“, lacht Lukas. Der studierte Theologe arbeitet ebenso im Garten wie in der Küche, streicht Wände und begleitet Menschen in Krisensituationen. Diese Vielseitigkeit ist kein Zufall, sondern Programm. Im offiziellen Arbeitsvertrag der Gemeinschaft steht: „Allrounder/in“.
Was es braucht, ist nicht eine spezifische Ausbildung, sondern „Freude am Zusammenleben mit Menschen und Freude an der Handarbeit“, erklärt Sandra. Dazu kommt Selbstvertrauen – der Mut, Dinge auszuprobieren, aus Fehlern zu lernen, ohne sich davon verunsichern zu lassen. Die Gemeinschaft profitiert enorm von den unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen, die Gäste, Freiwillige und Praktikanten mitbringen: „Ein wahnsinnig großer Reichtum an Lebenswissen kommt hier zusammen“, schwärmt Sandra.
Gleichzeitig erfordert diese Vielfalt Toleranz: Nicht jeder macht die Dinge auf dieselbe Weise. „Es braucht einen gewissen Toleranzbereich, um manchmal schauen zu können, wie jemand etwas macht – und das Vertrauen zu haben, dass die Person das kann“, sagt Sandra. Für Lukas, der selbst dazu neigt, Dinge auf eine bestimmte Art machen zu wollen, ist dies ein Lernfeld: „Es gibt wirklich so viele Varianten, wie man etwas machen kann, dass man nicht sagen kann, es geht richtig oder falsch.“
Gemeinschaftsarbeit als gelebte Spiritualität: Die Hierarchie überwinden
Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit im Sonnenhügel ist das Menschenbild, das dahintersteht: Es gibt nicht die einen, die betreuen, und die anderen, die betreut werden. Alle arbeiten mit. „Die sogenannte Betreuung, die Tagesstruktur, findet bei uns statt, indem wir sie gemeinsam leben“, erklärt Lukas. Er arbeitet nicht nur mit, sondern bittet auch um Hilfe, delegiert Aufgaben ab. „Dann entsteht das Familiäre und das Miteinander.“
Diese Haltung irritiert manchmal Menschen, die mit der Vorstellung kommen, „den armen Leuten in der Krisensituation etwas Gutes zu tun“. Doch genau diese Distanz will die Gemeinschaft überwinden. „Ich muss mich gar nicht rausnehmen, ich darf auch einfach ich sein mit allen Grenzen und Schattenseiten“, sagt Lukas. Auch Zweifel, Nicht-Weiterkommen und die eigenen Schatten gehören dazu.
Wenn die Arbeit den Menschen dienen soll – nicht umgekehrt
Ein ständiges Spannungsfeld bleibt die Frage: Wie viel Arbeit ist gut? Der große Garten beispielsweise bietet unzählige Möglichkeiten. Doch Sandra hat gelernt: „Ich muss aufpassen, dass ich nicht das Gefühl habe, es sei zu viel Arbeit. Der Garten muss nicht jedes Jahr gleich aussehen.“ Die Arbeit passt sich an die Möglichkeiten der Menschen an – nicht umgekehrt. „Da geht es zuerst um den Menschen, und die Arbeit soll dem Menschen dienen.“
Besonders deutlich wird dies im Umgang mit verschiedenen Arbeitsstilen: Manche Gäste kommen mit hohem Tempo aus der Arbeitswelt und brauchen die Erfahrung der Entschleunigung – Strich um Strich wischen wie der Straßenkehrer Beppo im Roman „Momo“. Andere haben lange nicht mehr gearbeitet und brauchen Ermutigung, dranzubleiben.
Hinter diesen unterschiedlichen Mustern verbergen sich tiefere Fragen: Wie sehr hängt mein Selbstwert an meiner Leistungsfähigkeit? Bin ich nur dann liebenswürdig, wenn ich produktiv bin? „Burnout entsteht ja nicht, weil ich zu viel Arbeit habe, sondern weil ich meinen Blick auf die Arbeit und auf meine Leistungsfähigkeit hinterfragen muss“, analysiert Lukas.
Das Gebetsglöckchen als heilsame Unterbrechung
Am Abend ruft das Glöckchen zum Gebet. „Das ist sicher der Moment, wo die Arbeit beendet wird“, sagt Sandra. Diese Unterbrechung hilft ihr, sich wieder auszurichten auf etwas Größeres, zu merken: „Ich muss nichts leisten. Ich darf sein.“
Für Lukas hat das Gebetsglöckchen auch eine entlarvende Funktion: „Das Arbeiten, das Tätigsein, das Aktivsein schützt mich manchmal auch davor, mich mit mir selber auseinandersetzen zu müssen.“ Viel tun und viel machen kann ablenken von Gefühlen, mit denen man sich schwertut. Die regelmäßigen Unterbrechungen – durch Gebetszeiten oder die „Wüstennachmittage“ – dienen dazu, die Aufmerksamkeit wach zu halten.
„Ora et labora“ – beides gehört zusammen: das Tätigsein und die Pause, die Aktivität und die Kontemplation, die Arbeit und das Sein.
