Zweiter Teil unserer Blogserie zum 800. Todestag des heiligen Franziskus.
Im Jahr 2026 jährt sich der Transitus des heiligen Franziskus von Assisi zum 800. Mal. In dieser Blogserie gehen wir der Frage nach, warum die letzten Lebensjahre und das Sterben des Franziskus bis heute Menschen berühren und inspirieren können.
Im ersten Teil stand die Kunst im Mittelpunkt, versöhnt zu sterben. Dabei zeigte sich: Der Friede des Franziskus war nicht das Ergebnis eines einzigen Augenblicks. Er war die Frucht eines langen Weges des Vertrauens, der Versöhnung und des Loslassens.
Viele Menschen verbinden Franziskus spontan mit seiner Liebe zur Schöpfung. Sie denken an den Sonnengesang, an Vögel und an die besondere Verbundenheit mit allem Lebendigen. Doch einer seiner bekanntesten Gedanken führt nicht mitten ins Leben, sondern an dessen Grenze.
Im Sonnengesang spricht Franziskus von Schwester Tod.
Für viele moderne Menschen klingt das zunächst befremdlich. Der Tod erscheint uns oft als Feind, als Bedrohung oder als tragischer Bruch des Lebens. Franziskus hingegen findet eine Sprache, die weder verdrängt noch verklärt. Er nennt den Tod Schwester.
Der Sonnengesang als Lob mitten in der Dunkelheit
Der Sonnengesang gehört zu den bekanntesten Texten des heiligen Franziskus. Er entstand gegen Ende seines Lebens und zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen christlicher Spiritualität.
Seine Augen schmerzten, seine Kräfte schwanden, viele Wege konnte er nicht mehr gehen. Äußerlich wurde sein Lebensraum kleiner. Innerlich jedoch weitete sich sein Blick. Gerade weil Franziskus die Zerbrechlichkeit des Lebens am eigenen Leib erfuhr, erhalten seine Worte besonderes Gewicht.
Während sein Körper schwächer wurde, wuchs seine Aufmerksamkeit für die Schönheit und Verbundenheit der Schöpfung. Und deshalb beginnt der Sonnengesang nicht mit Klagen, sondern mit Lob.
Die überraschendste Strophe
Franziskus nennt den Tod Schwester. Er verherrlicht weder das Leiden noch den Tod selbst. Vielmehr erkennt er an, dass der Tod zum Leben gehört. Niemand kann ihm ausweichen. Niemand kann ihn dauerhaft kontrollieren.
Vielleicht liegt die Provokation dieser Worte gerade darin, dass Franziskus den Tod weder bekämpft noch romantisiert. Der Tod bleibt Tod. Doch er verliert seinen Charakter als absoluter Feind.
Warum wir uns heute so schwer mit dem Tod tun
Wir leben in einer Zeit, in der vieles darauf ausgerichtet ist, Grenzen zu überwinden. Fitness verspricht ewige Jugend. Technologie verspricht immer mehr Kontrolle. Soziale Medien vermitteln oft den Eindruck eines ständig gelungenen Lebens.
Wir fotografieren die schönsten Momente unseres Lebens, planen die Zukunft und versuchen, möglichst viele Möglichkeiten offenzuhalten. Umso schmerzhafter erleben wir Situationen, die sich nicht planen lassen: Krankheit, Verlust, Trennung oder die Erfahrung der eigenen Begrenztheit.
Die Weisheit der Akzeptanz
Auch moderne psychologische Ansätze betonen die Bedeutung von Akzeptanz. Sie bedeutet nicht Resignation, sondern die Fähigkeit, die Wirklichkeit anzuerkennen und innerhalb dieser Wirklichkeit einen sinnvollen Weg zu finden. Genau darin zeigt sich eine bemerkenswerte Nähe zur Haltung des Franziskus.

Schwester Tod als Lehrerin des Lebens
Wer seine Endlichkeit annimmt, beginnt bewusster zu leben. Begegnungen werden kostbarer, Beziehungen wichtiger und Dankbarkeit wächst. Der Tod wird dadurch nicht kleiner. Aber das Leben wird größer.
Eine franziskanische Sicht auf den Menschen
Vielleicht liegt darin einer der schönsten Gedanken des Sonnengesangs: Franziskus steht nicht im Mittelpunkt. Er besingt nicht sich selbst. Er besingt die Verbundenheit allen Lebens.
Der Theologe Tom Sojer weist darauf hin, dass Heiligkeit bei Franziskus nicht als individuelles Projekt moralischer Vervollkommnung verstanden werden kann. Menschen, Tiere und die ganze Schöpfung erscheinen nicht als Statisten seiner Frömmigkeit. Sie besitzen ihre eigene Würde vor Gott.
Die Schöpfung erscheint im Sonnengesang nicht als Bühne für die Frömmigkeit des Menschen. Auch Sonne, Mond, Wasser, Erde und selbst Schwester Tod besitzen ihren eigenen Platz. Gerade darin zeigt sich die franziskanische Minoritas: Ehrfurcht vor dem Anderen und Verbundenheit statt Herrschaft.
Was bedeutet das für uns heute?
Auf dem Sonnenhügel begegnen wir immer wieder Menschen, die an Grenzen stoßen. Manchmal sind es psychische Belastungen. Manchmal Krankheiten, Verluste oder Lebensübergänge.
Viele kommen mit der Hoffnung, dass sich ein Problem möglichst rasch lösen lässt. Doch nicht alles im Leben kann gelöst werden. Manches kann nur angenommen werden.
Gerade hier überrascht Franziskus mit seiner Aktualität. Er lädt dazu ein, die Wirklichkeit ernst zu nehmen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Frieden entsteht oft nicht dort, wo alles unter Kontrolle gerät, sondern dort, wo Vertrauen wächst.
Schlussgedanke
Acht Jahrhunderte nach seinem Tod fordert Franziskus uns noch immer heraus. Sein Sonnengesang ist kein romantisches Naturgedicht. Er ist das Zeugnis eines Menschen, der gelernt hatte, das Leben in seiner ganzen Wirklichkeit anzunehmen.
Mit Licht und Schatten. Mit Freude und Schmerz. Mit Gesundheit und Krankheit. Mit Leben und Tod.
Indem Franziskus den Tod Schwester nennt, macht er ihn nicht kleiner. Aber er nimmt ihm die Macht, das Leben zu beherrschen.
Wer die Endlichkeit annimmt, beginnt anders zu leben.
Begegnungen werden kostbarer. Dankbarkeit wird tiefer. Hoffnung wird tragfähiger.
Die Spiritualität der Endlichkeit ist letztlich keine Spiritualität des Sterbens. Sie ist eine Spiritualität des Lebens.
Ausblick auf Teil 3:
Im nächsten Beitrag fragen wir, was der Transitus des Franziskus mit moderner Sinnsuche zu tun hat. Der Dritte Teil erscheint am 1. Dezember 2026
