von Hubi (aufgezeichnet von Lukas Fries-Schmid)
Was bedeutet es, wenn nach Jahren der Depression plötzlich wieder Interesse aufkommt? Wenn die Plattensammlung, die ein Jahrzehnt lang verstaubt ist, wieder Freude macht? Hubi erzählt von seinem Weg durch eine tiefe Krise – und davon, wie eine Herzoperation nicht nur sein Herz, sondern auch seine Seele zu heilen begann.
Jetzt bist du krank
Ich habe dir ein Bild des Unfallwagens mitgebracht. Von diesem Auto, in dem ich verunglückt bin. Das ist wahrscheinlich der Anfang meiner «Leidensgeschichte».
Im Dezember 2014 bekam ich die Diagnose Diabetes. Im ersten Moment dachte ich: Diabetes haben viele Menschen. Das ist kein Problem. Aber auf einmal hatte ich im Kopf das Gefühl: Jetzt bist du krank. Das hat sich immer mehr verstärkt: Ich bin schwer krank. Ich war immer noch im Arbeitsprozess. Die Krankheit schränkte mich nicht ein. Ich merkte aber, dass mich das immer mehr beschäftigte. Und dann, im Januar 2015, ein psychischer Zusammenbruch. Es ging nichts mehr. Du weisst nicht mehr, wo du stehst. Es bricht alles weg.
Dann gab es Arbeitsversuche, mithilfe eines Jobcoachings. Aber ich merkte, es geht nicht gut. Es ist nicht mehr so, wie es einmal war. Und mit der Zeit, im Sommer, hat sich die Situation immer verfahrener angefühlt. Schlussendlich kam dieser schwere Unfall, der kein Unfall war. Es war ein Suizidversuch. Ich hatte das Gefühl: Ich will nicht mehr. Das alles übersteigt mein Vermögen.
Ich war dann zwei oder drei Wochen im Koma im Spital. Dann Reha. Auf die Reha folgte der erste Aufenthalt in der Psychiatrie. Relativ lange. Fast ein halbes Jahr.
Ich allein im stillen Kämmerlein
Wenn du keine Aufgabe mehr hast, keinen Job mehr, dann bricht auch dein Status weg. Dann ist bald nichts Greifbares mehr da: keine Arbeit, du hast den Umgang mit den Leuten nicht mehr, dein soziales Umfeld fällt weg. In meiner strübsten Zeit bin ich nicht einmal mehr ins Dorf gegangen. Ich wollte nicht mehr unter die Leute. Ich dachte nur noch: Lasst mich in Ruhe. Nur ich allein im stillen Kämmerchen.
… nur ich allein im stillen Kämmerchen …
Damals, vor neun Jahren, kam ich zum ersten Mal in den Sonnenhügel. Das war nach dem zweiten, kürzeren Klinikaufenthalt. Danach folgten regelmässige Besuche beim Psychiater, Psychotherapien, Elektrokrampftherapie und so weiter und so fort. Ich habe das alles freiwillig gemacht in der Hoffnung, dass es vielleicht etwas nützt.
Nicht Heilung, aber Gesundung
Irgendwann haben sie mir gesagt, dass das Herz nicht gesund sei. Verkalkte Herzklappen und natürlich vom Unfall her ein schwer verletztes Herz. Irreversibel. Ende 2023 befand der Kardiologe, dass er etwas machen müsse. Daraufhin kam die Operation.
Nach der Operation war ich zwar nicht mehr schwer depressiv, aber immer noch in diesem depressiven Leben: Kein Antrieb, keine Idee, keine Lust. Ich ging zwar regelmässig mit meiner Frau spazieren. Aber das hat mich nicht befriedigt. Ich hatte früher zuhause so viele Dinge gemacht. Ich war jemand, der viele Dinge gerne gemacht hat. Nun war alles wie nichts.
Als ich nach der Herzoperation von der Reha zurückgekommen war, habe ich irgendwann gemerkt, dass es mir etwas besser geht. Ich hatte etwas mehr Energie. Da geht etwas, dachte ich. Es kommt das Interesse zurück.
Meine Söhne haben über all die Jahre immer versucht, mich zu motivieren, und mir vorgeschlagen, doch mal dies oder jenes zu probieren. Aber Hubi hat immer gefunden: Ja, ja, schon gut… Und dann hatte ich selber eines Tages das Gefühl, dass es ein wenig bessert, und das hat sich tatsächlich fortgesetzt. Ich weiss nicht, ob man von Heilung sprechen kann, aber von Gesundung.
… ich weiss nicht, ob man von Heilung sprechen kann, aber von Gesundung …
Die Herzoperation war dafür wesentlich. Ich habe den Kardiologen darauf angesprochen, ob eine solche Operation auf die mentale Gesundung eine Auswirkung haben könnte. Er hat mir das bestätigt. Jeder Arzt, jeder Spezialist, sei es für Herz, Lunge, Füsse, Kopf oder weiss nicht was, macht das, wofür er spezialisiert ist. Und das macht er gut. Aber wir sind ganzheitlich. Wir bestehen nicht aus Herz und Lunge. Wenn nun das Herz als zentrales Organ wieder richtig pumpt und die anderen Organe anfangen, wieder richtig zu arbeiten, geht es dir auch psychisch besser. Das Herz sagt dem Hirn: «Du, es funktioniert gut, alles tipptopp, du musst dich nicht mehr sorgen.» Das ist jetzt rudimentär geschildert, aber das hat viel mit der psychischen Verfassung zu tun.
Mich haben manche Leute gefragt, ob der Psychiater gut war und ob die Medikamente geholfen haben. Ich habe einen sehr guten Psychiater. Natürlich hatte er einen gewissen Einfluss. Er hat vor allem verhaltenstherapeutisch mit mir gearbeitet. Unter dem Strich hat mir das aber nicht viel gebracht. Ähnlich mit den Medikamenten. Ich bin einer, der gewisse Medikamente nicht genommen hat, weil ich merkte, dass sie mir nicht guttun. Ich hatte viele Nebenwirkungen. Alle fanden, das kannst du nicht machen, das ist gefährlich. Verständlicherweise haben sie sich um meine psychische Gesundheit gesorgt. Aber ich musste sagen: Es ist mir wichtiger, dass ich wieder schlafen kann, keine Panikattacken mehr habe und keine komischen Gefühle mehr entwickle. Das habe ich auch mit dem Psychiater abgesprochen. Er meinte auch, ich soll mit gewissen Medikamenten aufhören, das bringe so nichts.
Ich nehme heute für das Herz viele Medikamente. Aber Psychopharmaka habe ich keine mehr, mit Ausnahme von Lithium. Das hat schon gewisse Wirkungen. Es stabilisiert und gleicht meine Stimmungsschwankungen aus. So ist es mir in den letzten Monaten wohl.
Das tut dem Herzen gut
Ich habe wieder die Kondition, um zu Fuss zu gehen und Spaziergänge oder Wanderungen zu machen. Das ist wichtig für jemanden wie mich, der immer gerne gelaufen ist. Ich bin jemand, der sehr gerne auch allein unterwegs geht. Wieder aufstehen können und sagen: heute unternehme ich etwas. Kurzfristig mit jemandem etwas abmachen können und sagen: Heute machen wir das, morgen machen wir dies, und zwischendurch mache ich mal nichts.
Zu Hause habe ich wieder Freude an Dingen, die mich jahrelang nicht mehr gereizt hatten. Ich habe eine Plattensammlung. Alles, was mit Musik und Stereoanlagen zu tun hat, hat mich immer fasziniert. Das ist jetzt mehr als 10 Jahre vor sich hin gefault. Nun hat es mich neu gepackt. Heute kann ich mich wieder stundenlang damit beschäftigen, eine Platte um die andere hervornehmen, anschauen und anhören. Das gibt ein gutes Gefühl. Oder wie man so sagt: Das tut dem Herzen gut.
… meine Plattensammlung zum Beispiel. Das tut dem Herzen gut …
Ich glaube nicht, dass ich geheilt bin. Ich weiss nicht, wie es in fünf Jahren aussieht. Bei manisch-depressiven Personen lauert immer die Gefahr, dass man wieder ins alte Muster zurückfällt. Heute würde ich gerne sagen: Nein, auf keinen Fall, das wird mir ganz sicher nicht passieren. Aber ich kann das nicht wissen. Ich habe mit meiner Familie abgemacht, dass sie mir sagen, wenn da etwas anfängt. Sie kennen die Alarmzeichen, darüber bin ich froh.
Das Leben läuft nicht immer rund
Ich habe in letzter Zeit wieder vermehrt Kontakt mit Freunden. Da erfahre ich Geschichten, die gehen mir durch Mark und Bein. Gestern zum Beispiel habe ich mit der Schwester eines Kollegen gesprochen, mit dem ich zur Schule ging. Als Jugendliche hatten wir viel zusammen unternommen, viel Seich gemacht, viel Lustiges erlebt. Er ist gleich alt wie ich, 63, und jetzt ist er ein Schwerstpflegefall. Er kann kein Wort mehr sprechen. Das Leben ist unter Umständen schon ein Drama. Ich nehme das heute anders wahr. Vielleicht hat das mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin empathischer geworden.
Ein solches Schicksal berührt mich, aber es zieht mich nicht runter. Ich werde nicht rückfällig deswegen. Es tut mir zwar nicht gut, aber es rückt auch manche Sachen, wie soll ich sagen, in ein Verhältnis zueinander. Das Leben läuft nicht immer nur kugelrund. Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein und es sind nicht immer alle happy. Ich bin vom Typ her eher ein Choleriker, aber wenn ich solche Geschichten höre, denke ich manchmal, das ist strub.
Ich gehe heute hin und wieder aus dem Haus und sage mir, es geht mir gut. Mir geht es im Grossen und Ganzen gut. Ich spüre Dankbarkeit, aber auch Demut. Das ist ein schönes Wort. Einerseits schätzen, was man hat, dankbar sein und annehmen können, wie es ist. Obwohl man vielleicht gerne noch dies und jenes hätte. Aber da muss ich sagen, nein, nein, für mich ist es tipptopp. Ich bin froh, dass ich einigermassen gesund bin. Ich kann auf einen Berg wandern, wenn ich will. Langsamer als früher, es geht nicht mehr so schnell wegen dem Herz, aber ich kann immer noch die Schönheit der Natur geniessen oder das Kleine schätzen.
Zeit
Mit der ganzen Krankheitsgeschichte habe ich auf einmal etwas bekommen, was ich vorher nicht hatte, und das ist Zeit. Der Psychiater hat mich einmal gefragt, was mir am meisten geholfen habe. Ich kann es nicht hundertprozentig sagen, aber für mich war die Zeit wichtig. Ich will nicht sagen, ich hätte mir Zeit genommen, um zu gesunden. Am Anfang hatte ich das Gefühl, es muss doch jetzt vorwärts gehen und bis Ende Jahr will ich dieses und jenes Ziel erreicht haben. Ich musste lernen zu denken: Ja, probier’s mal. Wenn es klappt, ist es gut, wenn es nicht klappt, dann kannst du es auch so akzeptieren, wie es ist, und weiterschauen. Vielleicht ist es nächstes Jahr so weit. Ich musste lernen, bereit zu werden dafür. Mit Erwartungen setzen wir uns extrem unter Druck. Aber manches geht nicht so schnell und einfach, wie man immer meint. Manchmal hat das Leben noch ein paar Stolpersteine parat.
Zufall oder Schicksal?
Noch etwas habe ich, das mir momentan viel bedeutet. Das ist meine Geschichte. Die eigene Geschichte ist fundamental für mein Weiterleben. Wissen, woher ich komme, wer bin ich, wohin gehe ich. Das klingt jetzt fast ein bisschen philosophisch, aber es dünkt mich, man muss sein ganzes Päckchen kennenlernen und herausfinden, wie man damit umgeht. Es mag hochnäsig oder arrogant wirken, wenn ich das so sage, weil ich selber oft nicht so genau damit umzugehen weiss. Die Vergangenheit zu kennen, das, was wir bis jetzt gelebt haben, ist wichtig. Denn das, was kommt, wissen wir noch nicht. Aber wenn ich meine Geschichte ein wenig verstehe, kann ich auch verstehen, wie ich heute lebe und es hilft mir ein wenig für die Zukunft. Darum die eigene Vergangenheit nicht negieren und nicht von vornherein verdammen.
Es gibt viele Dinge im Leben, von denen ich denke, die waren nicht gut. Vieles konnte ich nicht aussuchen, etwa meine Eltern. Ich könnte über manches noch lange fluchen und ausrufen. Aber vieles ist trotz allem gut herausgekommen. Nicht immer wegen mir, sondern oft, weil es war, wie es war. Ich habe viele schöne Dinge erlebt, die ich heute wieder den Kindern erzähle. Solche Erlebnisse haben mich zu einem glücklichen Menschen gemacht. Das ist auch die Geschichte, wie sie war. Und wie ich jetzt lebe, das hat mit meiner Geschichte und meinem Blick darauf zu tun. Nicht nur mit mir, sondern mit vielen Menschen, die mich beeinflusst und die mir geholfen haben. Viele Menschen haben zu meinem heutigen Umfeld beigetragen. Da staune ich manchmal.
… du kannst auswählen, du kannst dich einbringen. Du fühlst dich wieder lebendig …
Du weisst, dass ich weder religiös noch gläubig bin. Aber es gibt Phasen, in denen schon Sinnfragen aufkommen: Wie ist das genau? Warum gerade ich oder wir? Warum ist das so geworden, wie es geworden ist? Schon als Jugendlicher habe ich mir solche Fragen gestellt. Warum macht das Leben mit mir das und nicht etwas anderes? Warum lerne ich genau diese Person kennen und nicht eine andere? Zum Beispiel meine Frau, die ich seit 35 Jahren kenne und liebe, mit der ich zusammenlebe, streite und was weiss ich. Warum gerade sie? Was ist das? Zufall? Schicksal? Ich weiss nicht. Das ist für mich ein riesiges Fragezeichen. Ich kann und werde es nie beantworten können. Es ist nicht bloss interessant, sondern das sind die grossen Fragen im Leben. Das gibt mir immer wieder zu denken.
Was wäre, wenn ich das und jenes nicht hätte oder gehabt hätte? Das zu fragen, ist für mich müssig, weil es so war, wie es war. Ich denke, es gibt nicht einmal viel, von dem ich sagen würde, ich bereue es. Jene Frau gestern, die Schwester dieses Jugendfreundes, von dem ich erzählt habe, hat mich gefragt, ob ich nicht das Gefühl habe, es hätte alles einen Sinn. Ich muss sagen: Ja, absolut. Ganz bestimmt sogar.
Vielleicht ist meine Krankheit ein Teil der Lösung für das Problem. Ich kann es jetzt nicht anders umfassen, aber es geht so ein bisschen in diese Richtung. Denn ich habe über viele Jahre ungesund gelebt. Ich habe geraucht, viel, habe sehr ungesund gegessen, immer nur in Beizen, immer fettig. Ich hatte immer das Gefühl, vom Arbeiten wird man ja nicht krank. Wir hatten strenge Arbeit. Trotzdem sind wir am Abend zusammengesessen und haben es lustig gehabt. Da war ein Zusammenhalt. Im Rückblick habe ich den Eindruck, dass die Diagnose Diabetes logisch war. Das musste so kommen.
Was bleibt und nachwirkt
Bei unserem Haus gibt es eine kleine Stele mit einer Inschrift. Sie ist eine Ehrung für unseren vormaligen Hausbesitzer, einen Pfarrer. Die Inschrift lautet: «Und was du je gewirket in deinen Erdentagen / wird nicht in Äonen untergehen.» Es geht nicht darum zu urteilen, wer gut oder schlecht ist oder wie man über dich spricht oder denkt. Sondern das, was du gewirkt hast, bleibt. Menschen, die alt werden und sterben, lassen ihre Geschichten ein Stück weit da. So geht es mir mit einer verstorbenen Nachbarin oder Arbeitskollegen, die schon auf dem Friedhof sind. Trotzdem wirken sie nach.
Wir haben eine interessante Einrichtung in unserem zentralen Nervenspeicher, nämlich das Gedächtnis. Die Geschichten, die bleiben, das Leben, das du gewirkt hast in deinen Erdentagen — es scheint mir wichtig, das zu ehren und lebendig zu behalten. Mancher war vielleicht nicht der Frömmste, aber jeder war ein einzigartiger, guter Mensch. Ich gehe auf Friedhöfe zu Menschen, die ich kannte, um die Erinnerung wachzuhalten. Die guten Gedanken und die guten Geschichten.
Frieden machen
Ich bin mit Sandra einmal darauf zu sprechen gekommen: Frieden machen. Mit sich, mit der Welt, mit dem Erlebten. Ich konnte lange Zeit mit meinem Vater nicht Frieden machen, obwohl er schon lange tot ist. Ich war 20, 21, als er starb. Er konnte mir nicht viel erzählen, obwohl er viel zu erzählen gehabt hätte. Er war krank, als er starb. Irgendwie hatte ich damals das Gefühl, er habe sich aus dem Staub gemacht. Ich hätte ihn gerne noch hier gehabt. Aber es sollte nicht sein. Es hat lange gedauert, bis ich das akzeptieren konnte. Ich habe lange Jahre das Grab meiner Eltern gepflegt. Das war für mich reinigend. Trotzdem konnte ich lange Zeit keinen Frieden machen.
Und jetzt, in den letzten Jahren, ist das gewachsen. Natürlich habe ich schon vorher die schwierigen Lebensumstände meiner Eltern gekannt. Aber ich konnte es nicht annehmen. Wenn du so jung den Vater verlierst, bist du so verletzlich. In diesem Alter hättest du gerne jemanden, der dir zuhört, wenn du Liebeskummer nach Hause bringst, Stress bei der Arbeit oder weiss der Teufel was. Jemand, der dir sagt: «Ja, diesen verdammten Mist habe ich auch erlebt.»
Ich hatte damals andere Leute um mich herum. Das waren teilweise Grobiane. Die hatten ihre eigene Art, damit umzugehen. Obwohl ich auch diejenigen sah, die nachdenklich waren.
Frieden zu machen, das ist wichtig. Abschliessen können. Das ist das Wort: abschliessen.
Der Rucksack
Man spricht immer von diesem berühmt-berüchtigten Rucksack, den man hat. Mein Psychiater meinte einmal zu mir: «Sie haben einen extrem gefüllten Rucksack!» Man kann es anschauen, wie man will. Ich teile dieses Gefühl nicht. Da gibt es andere, deren Rucksack noch viel grösser ist. Und wenn man das Bild weiterführen will: Man kann auch Sachen aus diesem Rucksack auspacken. Man muss nicht immer mit dem Gleichen herumlaufen. Natürlich soll man die Vergangenheit nicht negieren. Ich stehe zu dem, was gewesen ist.
Mein zehnter Geburtstag
So ist es auch mit dem Bild vom Unfallwagen. Irgendwann konnte ich dieses Bild innerlich zur Seite legen und gut sein lassen. Heute ist mein Geburtstag. Wenn ich dieses Bild heute anschaue, denke ich, dass mir damals ein zweites Leben geschenkt worden war. Heute ist gewissermassen der zehnte Geburtstag meines zweiten Lebens. Der Chirurg, der mein Herz operiert hat, meinte, nachdem ich einigermassen wieder ansprechbar war: «Herr Schumacher, es war noch nicht Zeit für euch.» Man kann es auch so anschauen.
Be-Sinnung
Wenn ich jetzt seit neun Jahren regelmässig in den Sonnenhügel komme, habe ich bis dahin acht Geburtstagskarten von euch erhalten. Das sind Mosaiksteine. Am Anfang bin ich oft ohne Motivation gekommen, das habt ihr bestimmt auch bemerkt. Ich kam bloss, weil ich musste. Die Leute fanden, Struktur sei gut für mich. Ich sagte Ja und machte es. Ich hatte Phasen, in denen ich so starke Schmerzen hatte, dass ich es nicht fertigbrachte, aus dem Haus zu kommen. Hierher zu kommen widerstand mir. Nicht die Leute oder das Haus. Das Ganze widerstand mir. Ich mochte nicht aus dem Haus gehen. Ich könnte dir unser Sofa zeigen. Das ist richtig abgewetzt vom Rumliegen. Nach der Herzoperation hat sich auch das begonnen zu verändern. Auf einmal merkte ich, wie viel da ist. Du musst es nur nehmen.
Der Sonnenhügel ist für mich ein Ort der Besinnung. Be-Sinnung meine ich im Zusammenhang, dass alles Sinn hat. In der Psychiatrie habe ich viel in der Beschäftigung gearbeitet. Abpacken zum Beispiel. Das empfand ich als stupid. Hier macht die Arbeit Sinn. Wenn wir am Morgen zusammensitzen und die Arbeiten aufteilen, ist es nie ein Müssen. Du kannst auswählen, du kannst dich einbringen. Du fühlst dich wieder lebendig.
Ich komme sehr gerne hierhin, einerseits wegen der Menschen. In letzter Zeit fiel mir auch auf, wieviel gelacht wird. Die Stimmung ist nicht immer gleich. Manchmal kommt jemand an den Tisch und findet: Nein, Scheisse, heute nicht! Und dann gibt irgendwer einen Spruch von sich und auf einmal wird es locker. Da ist etwas Ungezwungenes, aber trotzdem eine gewisse Struktur. Leitlinien geben und dann die Leute machen lassen. Das ist wertvoll, weil es deinen Sinn berührt.
Dieses Gespräch für euren Rundbrief ist für mich auch ein Dankeschön. Ich kann es nicht genug sagen. Dankeschön. Ich fühle mich wohl. Und darum werdet ihr mich noch ein bisschen haben die nächste Zeit.
