„Gebet ist nicht etwas, das wir tun – es ist ein Raum, den wir halten.“
Dieser Satz beschreibt vielleicht am besten, was das Ora im Sonnenhügel bedeutet. Gebet ist für uns keine Pflichterfüllung, keine spirituelle Technik, kein in sich geschlossenes Ritual – sondern eine Haltung, eine Beziehung und eine Einladung. In der vierten Folge unseres Podcasts Mein Leben leben sprechen Sandra und Lukas darüber, was Gebet für uns persönlich bedeutet und wie es in unserem Alltag als Gemeinschaft Gestalt annimmt.
Gebet als persönlicher Weg – und dennoch geteilt
Für uns beide ist das Gebet etwas zutiefst Persönliches. Ein Raum, in dem Fragen, Zweifel, Dank, Stille, Bilder oder Sehnsucht Platz finden. Und doch erleben wir genau darin die Bedeutung der Gemeinschaft. Es gibt Zeiten, in denen wir Mühe haben, Worte zu finden – oder überhaupt einen Zugang zu spüren. Dann trägt die Gewissheit, dass jemand anderes die Glocke läutet, einen Impuls gibt, die Stille eröffnet.
Gemeinsames Beten schafft einen Raum, den wir alleine nicht in gleicher Weise halten könnten. Als Kerngemeinschaft übernehmen wir diese Aufgabe füreinander und für unsere Gäste: Raum halten, Raum von Stille gestalten, Raum für das Unausgesprochene öffnen.
In einer Welt, die stark von Effizienz, Tempo und Nützlichkeitsdenken geprägt ist, entsteht dadurch eine Atmosphäre, die viele unserer Gäste als wohltuend, entlastend und heilsam erleben.
Mehr als Worte: Drei Dimensionen des Gebets
Im Sonnenhügel ist Gebet längst nicht nur Reden. Oft ist es sogar genau das nicht. Für uns haben sich drei Aspekte besonders bewährt:
1. Singen – das klingende Gebet
Am Morgen beginnen wir mit einem Lied, meist einem einfachen Taizé-Gesang. Es sind kurze, wiederholte Verse, die durch ihre Schlichtheit den Körper und die Seele miteinander verbinden.
Die Tradition sagt: „Wer singt, betet doppelt.“ Auch wenn der Satz historisch nicht wörtlich so überliefert ist, steckt darin eine tiefe Wahrheit: Beim Singen betet der ganze Mensch.
2. Schweigen – der Raum ohne Worte
Schweigen ist nicht Abwesenheit von Worten, sondern Gegenwart. Ein Ort, der uns herausfordert, aber auch verändert. Wo sich Gedanken ordnen dürfen und wir uns neu verorten.
3. Lauschen – die Haltung der Offenheit
Nach dem Schweigen beginnt ein noch feinerer Prozess: Hören. Nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Herzen.
Lukas erinnert sich an kontemplative Exerzitien, in denen er hörte:
„Die Gegenwart Gottes ist immer gegeben – das Gebet lässt sie uns bewusst werden.“
Dieses Lauschen ist vielleicht die tiefste Form des Betens.
Authentizität: Wenn das Gebet den Alltag berührt
Sandra betont immer wieder, wie wichtig es ihr ist, dass Gebet und Alltag zusammengehören. Worte im Gebet dürfen nicht im Raum schweben, sondern sollen sich im Handeln zeigen. Deshalb beginnt jeder Arbeitstag im Sonnenhügel mit dem Gebet – erst Ora, dann Labora.
Das, was wir im Gebet hören, soll Spuren hinterlassen:
in der Art, wie wir zuhören
wie wir arbeiten
wie wir miteinander umgehen
wie wir Entscheidungen treffen
wie wir Widersprüche aushalten.
Eine Spiritualität, die nur innerlich bleibt, wäre uns zu wenig.
Oder wie Niklaus Brantschen schreibt:
„Spiritualität darf nicht in der Innerlichkeit stecken bleiben, sondern muss sich äußern.“
Gebet im Alltag – auch zwischen Kochtöpfen
Theresa von Avila hat dieses Bild geprägt:
„Der Herr ist auch zwischen den Kochtöpfen zu finden.“
Für uns drückt das die Freiheit aus, Gott nicht nur in der Kapelle, sondern mitten im Alltag zu suchen:
beim Kochen, beim Putzen, beim Organisieren, beim Lachen, beim Zuhören.
Gebet bedeutet für uns daher nicht Rückzug aus dem Leben, sondern Verbindung mit dem Leben.

Rituale, die uns tragen: Wüste und Licht
Der Wüstennachmittag
Einmal pro Woche gestalten wir den Mittwoch bewusst so, dass Raum für Stille, Rückzug und Alleinsein bleibt. Wir nennen ihn unseren Wüstennachmittag – inspiriert von den Wüstenmüttern und -vätern.
Ein Tag, der uns daran erinnert: Auch in der Gemeinschaft braucht die Seele Orte, an denen sie sich selbst wieder begegnen kann.
Die Lichterfeier am Samstagabend
Mit dem Sonnenuntergang beginnt der Sonntag. In unserer Lichterfeier entzünden wir Kerzen, singen und tragen all die Fürbitten der Woche zusammen.
Die Schale voller Klagen, Bitten und Dank steht bewusst neben der Osterkerze. Licht und Dunkel gehören zusammen – so wie Jubel und Trauer, Hoffnung und Verletzlichkeit.
Am Ende der Feier leeren wir die Schale. Ein Zeichen, dass jeder neue Woche ein neuer Anfang innewohnt: leicht, frei, offen.
Wenn Gebet und Alltag einander unterbrechen
Gebet unterbricht den Alltag – und der Alltag das Gebet.
Das eine schützt uns davor, uns zu verlieren, das andere davor, abzuheben.
Wir kehren immer wieder zurück in die Stille, um uns neu auszurichten. Und wir kehren immer wieder zurück in den Alltag, um das Gehörte sichtbar werden zu lassen:
in kleinen Gesten, in Entscheidungen, im Umgang mit Herausforderungen.
Ein Raum, der bleibt
Ob in der Kapelle, im Wald, in der Küche oder im Gesprächsraum mit einer entzündeten Kerze – für uns ist Gebet ein tiefer, tragender Raum. Ein Raum, der verbindet: mit uns selbst, miteinander und mit der Wirklichkeit, die wir Gott nennen.
Und vielleicht ist das das Schönste am Gebet:
Es wartet nicht auf die richtigen Worte. Es beginnt dort, wo wir sind.

