Zum Welttag der psychischen Gesundheit

10. Oktober 2023

Heute ist Welttag der psychischen Gesundheit. Psychische Gesundheit betrifft jeden und jede. Psychische Gesundheit ist ein Menschenrecht.

Nicht nur psychische Gesundheit geht jeden und jede an. Auch psychische Krankheit betrifft – leider – fast jede und jeden. Knapp 17 Prozent der Schweizer Bevölkerung leiden an einer oder mehreren psychischen Erkrankungen. Das sind Männer wie Frauen, ältere und jüngere, Väter, Mütter, Töchter, Söhne, Onkel, Enkel, Tanten und Nichten, Freunde, Arbeitskolleg:innen, Vereinsmitglieder. Es gibt mutmasslich niemanden unter uns, der nicht direkt oder indirekt im näheren familiären Umfeld oder im Freundeskreis jemanden kennt, der von einer psychischen Krankheit betroffen ist. Nur wissen wir es oft nicht – und wissen oft nicht, wie wir es ansprechen sollen, falls wir etwas sehen oder erahnen.

Um die psychische Gesundheit mehr ins öffentliche Bewusstsein zu heben, gibt es den Welttag der psychischen Gesundheit. Am 10. Oktober 2023 ist Mental Health Day.

Die WHO, welche diesen Tag ins Leben gerufen hat, stellt ihn im Jahr 2023 unter das Thema: “Our minds, our rights„. Psychische Gesundheit ist ein Menschenrecht.

Ich möchte diese Überlegung gerne von hinten betrachten. Natürlich hat jeder das Recht auf Gesundheit. Hilfreich für eine gute Selbstfürsorge ist die Aktion „Wie geht’s dir?“, welche von vielen Kantonen mitgetragen wird. Eine gesunde Selbstfürsorge ist Voraussetzung für psychische Gesundheit. Sie kann diese fördern, erhalten, stabilisieren und helfen, sie wieder herzustellen.

Recht auf Krankheit

Aber das ist nicht alles. Am Welttag der psychischen Gesundheit 2023 möchten wir auch die umgekehrte Perspektive ins Zentrum stellen und fragen: Gibt es auch ein Recht auf Krankheit?

Der Kostendruck im Gesundheitswesen ist enorm. Das spüren auch die Patient:innen in den Kliniken. Unter grossem Zeitdruck wird versucht, sie so schnell wie möglich wieder fit zu machen. Das klingt auf den ersten Blick vernünftig. Viele Menschen möchten so rasch wie möglich wieder funktionieren. Sie möchten zurück in ihre Familien, zurück nach Hause, zurück an die Arbeit. Schön und gut. Doch was braucht es, damit dies gelingt?

Um die mentale Gesundheit wiederzuerlangen, braucht es auch das Recht auf Krankheit. Gerade eine psychische Krankheit steckt man nicht so einfach weg. Sie ist ein einschneidendes Erlebnis, das einem oft für den Rest des Lebens begleitet, und sei es nur als Erinnerung. Eine psychische Krankheit erschüttert unsere Grundfesten. Damit das heilen kann, braucht es auch Zeit. Zeit, um krank sein zu dürfen.

Es gibt eine gewisse Gefahr, wenn wir unsere psychische Gesundheit so schnell wie möglich und um jeden Preis wiederherstellen wollen. Natürlich braucht es im Notfall schnelle Massnahmen. Oft würde eine Erste Hilfe für psychische Gesundheit schon viel helfen. Dafür gibt es empfehlenswerte Kurse.

Am Welttag der psychischen Gesundheit geht es auch darum, dass innere Feuer zu erhalten - indem wir Krisen zulassen.

Unsere Gäste melden uns aber auch zurück, wie sehr sie es schätzen, dass es ihnen auf dem Sonnenhügel einfach auch einmal schlecht gehen darf. Das ist hier kein Tabu. Damit meine ich nicht bloss einen schlechten Tag, wie wir ihn alle hin und wieder haben. Nein, auch eine massive Krise darf sein. Oft ist sie einfach, ob wir wollen oder nicht. Ich plädiere auf das Menschenrecht auf eine Krise.

Denn wenn eine Krise sein darf, kann sie sich verändern. Diese Erfahrung teilen viele Gäste untereinander. Das hilft ihnen, gegenseitig die Krisen auszuhalten und einander zu bestärken, die Wirklichkeit zuzulassen. Es ist, was ist. Hier braucht sich niemand zu schämen, wenn er oder sie auch mal mit verweintem Gesicht am Tisch sitzt oder beim Essen ruhig ist und nicht viel sagen mag. Weil uns das hier allen hin und wieder so geht.

In diesem Angenommensein in der Krise steckt eine Kraft. Sie stärkt die mentale Gesundheit. Ich lerne, dass ich die Krise nicht bekämpfen muss. Dass ich mich damit nicht verstecken muss. Ich darf da sein mit allem, was mich jetzt ausmacht. Manches gehört einfach zum Leben. Manches kann ich nicht einfach so ändern. Aber vieles ändert sich, wenn es erst einmal da sein darf.

Die Wende geschieht in der Krise

Das führt mich zurück zum Welttag der psychischen Gesundheit, welchen wir jedes Jahr am 10. Oktober begehen. Zu Recht weist die WHO darauf hin, dass psychische Gesundheit ein Menschenrecht ist und entsprechend gefördert werden muss.

Gerade das geschieht, wenn wir auch Raum für Krisen lassen. Denn oft haben wir Angst, dass wir einer Krise nicht gewachsen sind. Wir haben Angst, dass wir ins Bodenlose stürzen, wie mir das neulich eine Gästin eindrücklich geschildert hat. Was, wenn ich jeden Halt verliere? Was, wenn sich ein unendlicher Abgrund auftut? Wer garantiert mir, dass ganz unten ein Boden ist, der mich trägt?

Selbstverständlich gibt es keine Garantie. Aber die Erfahrung von ganz vielen Menschen bestätigt: Oftmals wächst uns gerade in der Krise jene Kraft zu, welche wir brauchen, um einen Schritt weiterzukommen. Dazu ist es aber notwendig, dass wir die Krise zulassen, wenn wir sie nicht abwenden können. Das braucht Raum und Zeit.

Das Recht auf Krankheit schafft die Grundlage, dass wir gesunden können.

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